{"id":121,"date":"2013-10-16T07:38:03","date_gmt":"2013-10-16T07:38:03","guid":{"rendered":"http:\/\/karin.unkrig.de\/?page_id=121"},"modified":"2016-07-07T08:41:26","modified_gmt":"2016-07-07T08:41:26","slug":"die-kunst-fehler-zu-machen","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/karin.unkrig.de\/?page_id=121","title":{"rendered":"Die Kunst Fehler zu machen"},"content":{"rendered":"<p>Juventus, Diplom-Ansprache vom 8. Juli 1999<br \/>\n(Zufthaus zur Meisen, Z\u00fcrich)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Diplomandinnen, Liebe Diplomanden<br \/>\nGesch\u00e4tzte Anwesende<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wann sind Sie zum letzten\u00a0Mal\u00a0gestolpert? Haben sich heute schon geirrt? Ist Ihnen letzthin ein Fehler unterlaufen?<br \/>\nFehler! dieses Wort ist h\u00f6chst unbeliebt. Heute, unmittelbar nach den Pr\u00fcfungen, k\u00f6nnen Sie es m\u00f6glicherweise kaum noch h\u00f6ren. Galt es doch, genau <u>das<\/u> zu nicht zu tun. Fehler heisst falsch, Fehler geben Abz\u00fcge, Fehler sind etwas, was es zu vermeiden gilt. Sie erinnern sich: Im Diktatheft wird meistens die Anzahl Fehler angestrichen, und am Schluss sorgsam zusammengez\u00e4hlt. Die Summe der falsch geschriebenen W\u00f6rter, der ausgelassenen Kommas oder Punkte ergibt die Note: Nicht etwa die Anzahl der richtigen W\u00f6rter und Satzzeichen! Das w\u00e4re ja auch eine M\u00f6glichkeit (und w\u00fcrde die Aufmerksamkeit auf das lenken, was als Ziel hinter dem Ganzen steht).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die negative Fixierung auf Fehler f\u00fchrt zu einer eigentlichen Furcht vor Fehlern. Unangenehme Erlebnisse wie Ausgelacht werden, eine \u00f6ffentliche R\u00fcge oder der Patzer beim Bewerbungsgespr\u00e4ch tragen das ihre dazu bei. Solch kritische Momente pr\u00e4gen sich in unser Ged\u00e4chtnis ein, sie stacheln uns an, Fehlern vorzubeugen, auszuschalten, aufzuholen, zu \u00fcberdecken, zu kompensieren oder auszublenden.<br \/>\nTrotz der gesellschaftlich propagierten Null-Fehler-Kultur sind Fehler nicht so selten, wie wir das gerne h\u00e4tten. Mittlerweile gibt es das Lexikon der popul\u00e4rsten Irrt\u00fcmer der Welt. Es findet reissenden Absatz und z\u00e4hlt zu begehrtesten Nachschlagewerken in \u00f6ffentlichen Bibliotheken.<\/p>\n<p>Gleichwohl blenden wir Fehler\u00a0\u2013 insbesondere die eigenen\u00a0\u2013 gerne aus. Dieser Verdr\u00e4ngungseffekt ist um so fataler, als dass selbst Genies nicht\u00a0 vor Missgeschicken, Unaufmerksamkeiten und Fehl\u00fcberlegungen gefeit sind. Nicht selten handelt es sich um R\u00fcckschl\u00e4ge, die auf dem voreiligen Ausschliessen von Fehlern beruhen, im Sinne von: \u00abEs wird schon alles richtig, was sollen wir uns da den Kopf \u00fcber m\u00f6gliche Pannen zerbrechen&#8230;\u00bb<\/p>\n<p>Mit der Schilderung dreier aufsehenerregender F\u00e4lle aus der St\u00e4dteplanung m\u00f6chte ich Ihnen einerseits vor Augen f\u00fchren, dass selbst international bekannte Architektinnen und Architekten nicht von Fehlern verschont bleiben, andererseits m\u00f6chte ich Ihnen die Scheu vor dem Einberechnen und Eingestehen eigener Fehler nehmen.<br \/>\nRaymond Hull, ein bekannter Fehlerforscher, beobachtete anfangs der 70er Jahre eine in sich zusammenbrechende Autobahnbr\u00fccke, deren St\u00fctzpfeiler trotz mehrfacher Kontrollen letztlich falsch konstruiert waren. Die Statiker\/innen hatten das Gewicht der \u00fcberfahrenden Autos nicht einberechnet &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Inbetriebnahme von drei gigantischen K\u00fchlt\u00fcrmen geriet in England zum Desaster: Jeder Turm hatte eine Million Dollar gekostet, aber die Kolosse waren nicht stabil genug. Ein kr\u00e4ftiger Windstoss gen\u00fcgte, um sie zu kippen.<br \/>\nUnvergessen ist die Frankfurter U-Bahn-Geschichte. Als die Nahverkehrsexpert\/innen zum Ortstermin geladen waren, stellten sie mit Schrecken fest, dass 27 fabrikneue U-Bahn-Wagen ins neue, aber nicht ins alte Schienennetz passten. Die hoch angesetzten T\u00fcren stimmten nicht mit den niedrigen Perrons \u00fcberein, beim Aussteigen mussten die Fahrg\u00e4ste springen, zum Einsteigen erst Anlauf holen. Auf den Strecken in den N\u00f6rdlichen Stadtteilen lagen die Gleise zudem so eng beieinander, dass ein Gegenverkehr unm\u00f6glich war.<\/p>\n<p>\u00abPlanung ist die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum\u00bb. Dieser Satz stammt aus dem Buch \u00abFehler richtig geplant &#8211; ein Ratgeber f\u00fcr kreative Fehlplaner\/innen\u00bb. Die vier Autoren haben Raumplanung studiert, heute arbeiten sie in anderen als den urspr\u00fcnglich erlernten Berufen. Kreative Querdenker werden \u00fcberall gebraucht. Raumplanerinnen \u00fcbrigens auch &#8230;<br \/>\n\u00abPlanung ist die Ersetzung des Zufalls durch einen Irrtum\u00bb. Diese Aussage f\u00fchrt vor Augen, dass wir dem Zufall schutzlos ausgeliefert sind, w\u00e4hrend wir als Planende die M\u00f6glichkeit (und die Chance) haben, Irrt\u00fcmer und Fehler einzubeziehen: Mit dem Ziel, sie zu erkennen und zu reduzieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Zeit gelingt es, von der suggerierten Unfehlbarkeit abzur\u00fccken, aus Fehlern zu lernen, sie ins Gegenteil zu kehren und die gewonnenen Erkenntnisse ins n\u00e4chste Projekt einfliessen zu lassen. Die Frankfurter jedenfalls messen jetzt immer zuerst die Gleisstrecken aus, bevor sie das Rollmaterial bestellen. Und sie setzen einen Testlauf mit den potentiellen Ben\u00fctzer\/innen an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Erfahrungsvorsprung nach einem groben Fauxpas ist unermesslich. So wie im Falle eines Ingenieurs, welcher bei der Fertigstellung der grossen Baseball-Hall in Houston feststellen musste, dass die gew\u00e4hlten Oberlichter zwar einen tollen optischen Effekt erzielen, die Halle jedoch unbespielbar machen. Es hat derart geblendet, dass die Spieler\/innen hochfliegende B\u00e4lle gar nicht erst erkennen, geschweige denn erwischen konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fehler nerven, sie schmerzen, nagen am Ego und fordern es heraus! Fehler regen zum Nachdenken an; in einer Weise, wie wir es ansonsten nicht getan h\u00e4tten. Sackgassen, Niederlagen und Scheitern pr\u00e4gen uns nachhaltiger als leicht zugefallene Erfolge. Zumal ein erster Fehlversuch auch der Weg zur L\u00f6sung weisen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fehler zu machen und dazu zu stehen, hilft Fehler kreativ einzusetzen. Anstatt dar\u00fcber zu gr\u00fcbeln, weshalb wir Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie zwar ungef\u00e4hrlich, aber auch unn\u00fctz sind, k\u00f6nnte die Frage lauten: Weshalb schrecken wir derart vor Fehlern zur\u00fcck? Wenn sie doch tagt\u00e4glich geschehen und wir trotzdem weiterleben?? Behindert uns die Furcht vor Fehlern nicht zu sehr in unserem Handeln, so dass wir nur noch mehr Fehler provozieren? Klassische <u>Denkfallen<\/u> sind die Folge. Selbst kluge K\u00f6pfe verfangen sich darin[1].<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Perfektionismus<\/u> geh\u00f6rt zu diesen Fallstricken. Der Drang, in allem, was mann\/frau tut, perfekt zu sein. Es klingt zun\u00e4chst einleuchtend, und niemand bestreitet, dass es Sinn macht, hohe Massst\u00e4be zu setzen. Perfektionismus wird jedoch heikel, wenn die Massst\u00e4be so hoch sind, dass sie niemand erreichen kann. Das Streben, hundertprozentig perfekt zu sein, f\u00fchrt im schlimmsten Fall zu null Prozent Ergebnis: eine doppelte Verlustrechnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder die <u>Vergleichssucht<\/u>. Gegen\u00fcberstellen und Vergleichen ist eine verbreitete, oft auch hilfreiche Methode, um Unterschiede herauszuarbeiten. Viele Leute erschweren sich das Leben zus\u00e4tzlich, indem sie negative Aspekte ins Zentrum stellen; zu sehr auf andere h\u00f6ren, die von spektakul\u00e4ren Misserfolgen berichten. Das ist \u00e4usserst entmutigend und entspricht selten der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine weitere Denkfalle ist das ewige \u00ab<u>Was-ist-wenn\u00bb<\/u>. Die Gedanken kreisen unaufh\u00f6rlich um Schwierigkeiten, Klippen und Hindernisse. Zu den realen Bedrohungen kommen Dinge und Umst\u00e4nde, die nicht existieren oder nur mit gr\u00f6sster Unwahrscheinlichkeit eintreten. Die Sorgen nehmen alsbald ein Ausmass an, dass die gesamte Person schw\u00e4cht und ihre Leistungsf\u00e4higkeit beeintr\u00e4chtigt.<br \/>\nIm Extremfall kommt es vor, dass selbst krisenerprobte Manager\/innen pl\u00f6tzlich vom <u>Klein-H\u00fchnchen-Syndrom<\/u> gesch\u00fcttelt werden und sich verhalten wie das K\u00fccken in einer bekannten amerikanischen Kindergeschichte. Das H\u00fchnchen spaziert nichtsahnend durch die Gegend. Pl\u00f6tzlich f\u00e4llt ein Ast vom Baum, direkt auf seinen Kopf. Klein-H\u00fchnchen denkt sofort, dass der Himmel herunterf\u00e4llt. Schreiend rennt es nach Hause, und wagt sich vorerst nicht mehr in die Welt hinaus.<\/p>\n<p>Eine derart eingeschr\u00e4nkte Sicht f\u00fchrt garantiert zu Fehlentscheidungen. Dabei stand zu Beginn die Absicht, Fehler zu vermeiden.<br \/>\n\u00abIst der Fehler erst erkannt, wird die Sache interessant.\u00bb Fehler verhelfen zu Fortschritt, nur wenn nichts passiert, werden sie zum Bumerang! Zahlreiche Nebenprodukte der Weltraumforschung beweisen, dass Materialien mit einzigartigen Eigenschaften zumeist \u00fcber Umwege entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal muss auch nachgeholfen werden. So haben diverse Strassenbauer\/innen das Ph\u00e4nomen \u00abder verlorenen Schaufel\u00bb erst auf Protest hin durchbrochen &#8211; und mittlerweile erfasst, dass es weder erkl\u00e4rbar noch \u00f6konomisch ist, eine Hauptverkehrsstrasse mehrere Male hintereinander zu sperren, tiefe L\u00f6cher zu graben, diese wieder zuzusch\u00fctten, mit einer neuen Asphaltdecke zu \u00fcberziehen und eine Woche sp\u00e4ter erneut aufzureissen. Es geht auch in einem Aufwisch!<br \/>\nAuf Kritik eingehen, Konflikte austragen, aus Fehlern die entsprechenden Schl\u00fcsse ziehen: Diese Eigenschaften machen den kreativen Fehlplaner\/die kreative Fehlplanerin aus. Es m\u00fcssen nicht gleich zusammenkrachende Bauten, hunderte Betroffene, Millionenl\u00f6cher in der Staatskasse und \u00c4hnliches sein, sondern lediglich\u00a0\u2013 oder gerade eben\u00a0\u2013 der Mut zur Denkpause, zum Umkehren, zum Einhalt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wie die Frankfurter Stadtverwaltung, welche eine Kleinanzeige in der New Yorks Times aufgab, die U-Bahn-Waggons nach \u00dcbersee verkaufte und ihren Ort um eine Anekdote reicher machte.<br \/>\nDeshalb, und zum Schluss: <u>\u00dcben<\/u> Sie sich in der Kunst, Fehler zu machen. So oft es nur geht, so m\u00fchevoll es ist, so ungewohnt es auch sein mag! <u>Machen<\/u> Sie Fehler! Und machen Sie <u>etwas<\/u>, aus Ihren Fehlern!!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] vgl. Freemann Arthur &amp; DeWolf Rose. 1996. Die 10 d\u00fcmmsten Fehler kluger Leute, Hamburg, Serie Piper<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juventus, Diplom-Ansprache vom 8. Juli 1999 (Zufthaus zur Meisen, Z\u00fcrich) &nbsp; Liebe Diplomandinnen, Liebe Diplomanden Gesch\u00e4tzte Anwesende &nbsp; Wann sind Sie zum letzten\u00a0Mal\u00a0gestolpert? Haben sich heute schon geirrt? Ist Ihnen letzthin ein Fehler unterlaufen? Fehler! dieses Wort ist h\u00f6chst unbeliebt. Heute, unmittelbar nach den Pr\u00fcfungen, k\u00f6nnen Sie es m\u00f6glicherweise kaum noch h\u00f6ren. 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