{"id":122,"date":"2013-10-16T07:38:49","date_gmt":"2013-10-16T07:38:49","guid":{"rendered":"http:\/\/karin.unkrig.de\/?page_id=122"},"modified":"2017-08-26T01:08:37","modified_gmt":"2017-08-26T01:08:37","slug":"die-kunst-des-nichtstuns","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/karin.unkrig.de\/?page_id=122","title":{"rendered":"Die Kunst des Nichtstuns"},"content":{"rendered":"<p>Juventus, Diplom-Ansprache vom 15. Juli 2005<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Diplomandinnen, Liebe Diplomanden Gesch\u00e4tzte Anwesende<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nichtstun? Als Sie diesen Titel h\u00f6rten, haben Sie sicherlich gestutzt? \u00abHat die eine Ahnung!\u00bb, denken Sie als Diplomandinnen, weil Sie in den letzten Wochen alles andere getan haben als Faulenzen. \u00abWas kommt ihr in den Sinn?\u00bb , finden Sie als Eltern, weil \u00abLaisser faire\u00bb selten eine optimale Pr\u00fcfungsvorbereitung darstellt. \u00abTypisch Psychologin\u00bb, meinen Sie als Lehrkr\u00e4fte, weil \u00abHerumlungern\u00bb sicher nicht zu einem erfolgreichen Lehrgang geh\u00f6rt. Aber was heisst eigentlich erfolgreiches Nichtstun? In einer Welt in welcher Hektik und Hetze zum Normalen z\u00e4hlen, Tag und Nacht verschmilzt, Zeit immer zu knapp ist. Bedeutet dieses Nichtstun alles fallenlassen oder nur ein bisschen? Gar nichts anpacken, einfach weniger? und wenn, dann erst noch das langsamer? Bedeutet es komplett aussteigen, f\u00fcr eine Weile k\u00fcrzer treten oder einfach Abstand gewinnen? Regelm\u00e4ssig, konsequent, bewusst??<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine Nationalfonds-Studie wollte es genau wissen. Sie ging dem Zusammenhang zwischen Beruf und Freizeit nach. Zuerst fragte sie verschiedenste Leute, was f\u00fcr sie pers\u00f6nlich erstrebenswert sei. Der Schl\u00fcssel zum Gl\u00fcck, quasi. Die h\u00e4ufigste Antwort lautete: ein lockerer Job und viel Freizeit. Anschliessend wurde genauer sondiert, die pers\u00f6nlichen Erfahrungen derselben Personen untersucht. Ergebnis: Nicht die erste spontane Aussage, nicht das \u00abEasy Going\u00bb f\u00fchrt zu Zufriedenheit. Sondern etwas ganz Anderes. Ein gesundes Verh\u00e4ltnis von Anstrengung und Ausruhen, Aktivierung und Ausgleich, An- und Entspannung. \u00dcber das beste Lebensgef\u00fchl berichten diejenigen Menschen, die einer spannenden Berufst\u00e4tigkeit nachgehen. Und in ihrer Freizeit Stress ab- bzw. sich selbst wieder aufbauen, zum Beispiel durch ein Hobby. Sie f\u00fchlen sich best\u00e4tigt, werden gefordert und gef\u00f6rdert. Zwischendurch k\u00f6nnen Sie abschalten, etwas Gegens\u00e4tzliches oder schlicht etwas f\u00fcr sich tun. Dieses \u00abNichtstun\u00bb umfasst Sport, Reisen, Zusammensein mit Freunden. Auch mal Ausschlafen, d\u00f6sen, Gem\u00e4chlichkeit. Aber nicht ausschliesslich! Und wenn, dann zur notwendigen Erholung!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Erholungseffekt ist es auch, welcher zur offiziellen Einrichtung von Ferien gef\u00fchrt hat. Der Staat hat dies als Recht festgeschrieben, die Wirtschaft als gewinnbringende Massnahme erkannt: Ausgeruht schafft es sich nicht nur l\u00e4nger, sondern auch besser (sprich produktiver, kreativer, motivierter). Unternehmer bekennen mittlerweile \u00f6ffentlich: \u00abDas Leben ist mehr als Chrampfe, die Sorge um die eigene Gesundheit nicht nur Pflicht, sondern auch der Allgemeinheit dienlich\u00bb. Wir befinden uns in einer Kirche. Die Bibel, eine der Grundlagen der christlichen Religion, verk\u00fcndet in der Sch\u00f6pfungsgeschichte: \u00abAm siebten Tag sollst du ruhen\u00bb. Auch in anderen Religionen dienen Sonn- und Feiertage dem Ausruhen. Kl\u00f6ster und Abteien bieten die M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen kurzen R\u00fcckzug. Idee: zu sich selber finden, in Einfachheit, Abgeschiedenheit und Kargheit. Der Tagesablauf richtet sich nach der Natur, einem Thema oder Ritual. Fernab von Leistungsstreben, Aktienindex und Handy.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Umgekehrt exponieren sich verschiedene Kirchenvertreter ausserhalb der sch\u00fctzenden Mauern. Fordern uns dazu auf, Mut zu zeigen, Mut auszusteigen. Nicht gleichzusetzen mit \u00aballes verwerfen\u00bb. Im Gegenteil: Beabsichtigt ist traditionellen Werten nachzugehen, hierf\u00fcr Distanz zu nehmen. Aus einer Welt, wo alles machbar scheint. Kunstlicht die Grenzen zwischen Tag und Nacht aufhebt, rund um die Uhr gearbeitet, gegessen und kommuniziert wird. Non-Stop etwas abgehen muss, die Augen nur noch f\u00fcr den Sekundenschlaf (oder ein Nickerchen) geschlossen werden. Passives Konsumieren vorherrscht, Tr\u00e4ume in die Werbung, Visionen ins Weltall transferiert werden. Und selbst Zeit Geld bedeutet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zugegeben: Nicht allen gelingt es, das pl\u00f6tzliche Ausbrechen. Viele vermissen die Gebrauchsanweisung f\u00fcrs Ausklinken. Sie suchen verzweifelt nach dem Bremsknopf (oder Notausgang). Pl\u00f6tzliche Stille erscheint als Loch, ein leerer Terminkalender als Bedrohung. Sie st\u00fcrzen sich auf tausend Dinge. Erstellen lange Listen, unglaubliche Pl\u00e4ne, anspruchsvolle Routen. Stress total! Danach folgen Ersch\u00f6pfung, Melancholie, ja Ratlosigkeit. Erst zuletzt wagen es einige, loszulassen. Versch\u00fcttetes auszugraben, in die Sterne zu gucken, zum Kern ihrer W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte vorzustossen. Was sie in den Alltag mitnehmen ist dieses Leuchten. Gekoppelt mit der Erkenntnis: Auftanken tut gut! Neue Energie erh\u00e4lt jung. Ein klarer Geist sch\u00e4rft den Blick. Wache Sinne h\u00f6ren Zwischent\u00f6ne. Freiheit macht achtsam, zugewandt. Ein volles Herz schliesslich f\u00fchrt zu Unbeschwertheit, Leichtigkeit. Einer Leichtigkeit, die nicht in der Agenda steht. Einer Leichtigkeit, die Schub nach vorne gibt. Einer Leichtigkeit die jetzt &#8211; trotz \u00dcberschwang &#8211; nicht vergisst, wer alles am Erreichen eines Ziels beteiligt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich denke dabei speziell an Ihr Diplom. Diesem fiebern nicht nur Sie als Absolvent\/innen entgegen, sondern Eltern, Angeh\u00f6rige und Freunde. Lehrkr\u00e4fte, Praktikumsbetreuer oder die Schulleitung. Ihnen m\u00f6chte ich an dieser Stelle Respekt und Anerkennung aussprechen, zusammen mit einem Riesen-Kompliment. F\u00fcr den Einsatz jenseits des \u00abNichtstuns\u00bb . Daneben gibts auch einen Wehrmutstropfen: Nicht alle Kandidat\/innen haben es auf Anhieb geschafft, einige werden es ein zweites Mal versuchen. Ihnen dr\u00fccke ich ganz fest die Daumen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Schluss bitte ich Sie, nicht nur nichts zu tun, sondern auch etwas \u00abUnvern\u00fcnftiges\u00bb: n\u00e4mlich Erfolge feiern. Wie heute! Er ist vorbei, der Pr\u00fcfungskrampf. Geniessen Sie, dass Ihnen etwas Wichtiges gelungen ist! Feiern Sie es, feiern Sie sich selbst &#8211; und die freie Zeit. Teilen Sie Ihre Freude mit dem Umfeld. Lassen Sie es sich gut gehen. Im s\u00fcssen oder aktiven Nichtstun, getragen vom Hier und Jetzt, der Faszination des Augenblicks. Ich w\u00fcnsche Ihnen f\u00fcr die Zukunft viel Freude, Spass und Begeisterung. Und immer wieder Gelegenheit f\u00fcr einen \u00abAusstieg auf Zeit\u00bb. Zuerst aber einen sch\u00f6nen Abend!!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juventus, Diplom-Ansprache vom 15. Juli 2005 &nbsp; Liebe Diplomandinnen, Liebe Diplomanden Gesch\u00e4tzte Anwesende &nbsp; Nichtstun? 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