{"id":125,"date":"2013-10-16T07:41:16","date_gmt":"2013-10-16T07:41:16","guid":{"rendered":"http:\/\/karin.unkrig.de\/?page_id=125"},"modified":"2018-05-02T18:37:49","modified_gmt":"2018-05-02T18:37:49","slug":"die-krux-mit-der-stellvertretung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/karin.unkrig.de\/?page_id=125","title":{"rendered":"Die Krux mit der Stellvertretung"},"content":{"rendered":"<h1>Vom Ersatzmann bis zur Bevollm\u00e4chtigten<\/h1>\n<p><strong>Wie heisst es doch so toll in Sekretariatshandb\u00fcchern: \u00abIn einer Organisation sollte jede Stelle auch eine offiziell deklarierte Stellvertretung haben. Die Stellvertretung \u00fcbernimmt f\u00fcr eine bestimmte Zeit die Stelle des\/der offiziellen Stelleninhaber\/in. Stellvertretung bedeutet somit grunds\u00e4tzlich die Delegation von Aufgaben, Verantwortung und Kompetenzen an eine andere Person [1]\u00bb?<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird &#8211; gerade im Administrativwesen &#8211; diese effektive Stellvertretung nicht durchgezogen. Entweder erledigt die entsprechende Person gleich den Job der Chefin\/des Chefs (ohne deren Gehalt und Aufstiegsaussichten) oder die Abschiebetaktik kommt zur Anwendung. Letztere besteht in der Verteilung kleiner, zumeist m\u00fchseliger Aufgaben. Im besten Fall kosten sie einfach Zeit und Nerven, als \u00abworst case\u00bb entpuppen sie sich dann, wenn ein lodernder Konflikt aufbricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kann das Ganze eingerenkt werden, hat mann\/frau Gl\u00fcck gehabt und die gutgelaunten F\u00fchrungsverantwortlichen spendieren einen Kaffee. L\u00e4uft es schief, ist der\/die stellvertretend Ausf\u00fchrende im Nu alleinverantwortlich.<\/p>\n<h2>Echte Stellvertretung<\/h2>\n<p>Uneingeschr\u00e4nkte, echte Stellvertretung bedeutet<\/p>\n<ul>\n<li>Offizielles &#8211; und nicht nur im Stellenbeschrieb &#8211; klar deklariertes Abtreten von Erfolg, Wissen und Macht (Vertretungsmacht geben)<\/li>\n<li>Bevollm\u00e4chtigung auch in Rechtsgesch\u00e4ften -&gt; Handlungs- oder Generalvollmacht \u00fcbertragen<\/li>\n<li>Zuordnung von ganzen Aufgabenbereichen inkl. Know-how und Ressourcen<\/li>\n<li>Ausgeglichene Verteilung von Aufgaben, Verantwortung und Kompetenzen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Stelle wird nicht geteilt, sondern \u00fcbergeben. Diese Art der \u00abSteV\u00bb kommt relativ selten vor (am h\u00e4ufigsten bei l\u00e4ngeren, vorhersehbarenAbwesenheiten einzelner Personen), bedingt sie doch einiges an Ver\u00e4nderungsbereitschaft und organisatorischen Vorkehrungen. Faktisch entsteht nicht selten eineneue Stelle.<\/p>\n<h2>Eingeschr\u00e4nkte Stellvertretung<\/h2>\n<p>Eher anzutreffen ist die eingeschr\u00e4nkte echte oder unechte Stellvertretung. Erstere zeichnet sich durch einen klaren, zum vornherein deklarierten &#8211; sachlich und zeitlich eingegrenzten, oft situativ oder vom Gesch\u00e4ftsgang her bedingten &#8211; Auftrag aus. Die Stellvertretung handelt im Namen und Sinn des\/der Stelleninhaber\/in, \u00fcbernimmt jedoch die Verantwortung f\u00fcr die in eigener Regie getroffenen Entscheide.<\/p>\n<h2>Unechte Stellvertretung <strong>[2]<\/strong><\/h2>\n<p>Hier handelt ein \u00abErsatzmann\u00bb nicht etwa wie im Fussball nach den eigenen Vorstellungen oder innerhalb der Mannschaftstaktik, bestenfalls noch unter seinem Namen. Er findet auf seinem Pult fremde Dossiers vor und springt von einem Fach- zum anderen F\u00fchrungsbereich. Wann und ob er die Auftr\u00e4ge zur\u00fcckgeben kann, weiss er nicht. Je nach Grad der Zufriedenheit, Zufall oder Einfl\u00fcsse dritter Art verschwindet der Aktenberg wieder bzw. wird ihm (bei zuviel, zu raschem Erfolg) aus der Hand gerissen.<\/p>\n<p>Nicht besser ergeht es der Platzhalterin, welche bestenfalls dar\u00fcber befinden darf, ob X sofort informiert werden muss oder eine Entscheidung bis zur R\u00fcckkehr der\/des Abwesenden hinausgeschoben werden soll. Damit hat es sich bez\u00fcglich Entscheidungsbefugnis.<\/p>\n<h2>Verhinderte Stellvertretung<\/h2>\n<p>Mangelndes Delegationsverm\u00f6gen, \u00fcberperfekte Arbeitserf\u00fcllung oder auch Geltungsdrang verleiten Vorgesetzte dazu, \u00abNews\u00bb zu h\u00fcten, wenig an Wissen preis zu geben, F\u00fchrungsaufgaben an sich zu reissen und selbstverst\u00e4ndlich keine Stellvertretung zu bezeichnen (sie sind ja unersetzlich&#8230;). Ohne sie geht nichts. Sie leiden, wie es Peter Schwarz eindringlich beschreibt, \u00abunter chronischer \u00dcberlastung, die weder von den Aufgaben noch von der Qualifikation der Mitarbeitenden her gerechtfertigt ist\u00bb . Wissen zu horten statt mitzuteilen, hat zur Konsequenz, dass<\/p>\n<ul>\n<li>die Lern- und Entwicklungsenergie auf ein Minimum schrumpft<\/li>\n<li>Risiken, Unvorhersehbarkeiten aussen vor bleiben (Konzentration auf eine Person)<\/li>\n<li>die Betriebssicht hintenan steht<\/li>\n<li>n\u00fctzliche Informationen unter den Tisch fallen<\/li>\n<li>eine allf\u00e4llige &#8211; vom System aufgedr\u00e4ngte &#8211; Stellvertretung klein gehalten wird.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Im Aufzug nach oben<\/h2>\n<p>Anders macht es da die clevere Chefsekret\u00e4rin, welche mit ihrem Vorgesetzten stetig eine Stufe h\u00f6her geklettert ist und sich den gleichgebliebenen Job versilbern l\u00e4sst (bei einer Frau gen\u00fcgend selten&#8230;). 120&#8217;000 Franken erh\u00e4lt sie im Jahr: Nicht nur f\u00fcr das F\u00fchren der Agenda, das Abwimmeln von Leuten oder die Reservation von Tisch im Bel Air, sondern weil sie einer ganzen F\u00fchrungsriege Bedeutung verschafft. Die Sache funktioniert bei konstanter Spitze und glattem Gesch\u00e4ftsgang. Ein Wechsel kippt sie aus ihrer vorteilhaften Lage. Wenn der fr\u00fchere CEO nicht die Hand aufhebt, findet sie sich mit einem Abgangszeugnis als einfache Schreibkraft wieder.<\/p>\n<h2>Erleichternde Faktoren<\/h2>\n<p>Wo klappt es dann, wenn es doch geht? \u00dcblich und ohne grosse Absprachen praktiziert wird eine Vertretung zwischen Kolleginnen des gleichen Aufgabenbereichs. Die \u00dcbernahme, \u00dcberbr\u00fcckung und R\u00fcckgabe geschieht ohne Schwierigkeiten ? vorausgesetzt, die daf\u00fcr n\u00f6tige Zeit steht zur Verf\u00fcgung. Oft \u00e4hnelt die Angelegenheit jedoch einem Staffellauf, wo einer der anderen den Stab zuwirft.<\/p>\n<p>Komplizierter gestaltet es sich bei Stellen, die in ihrer Art nur einmal vorkommen oder spezielle Kenntnisse voraussetzen. Allerdings fahren auch diese Leute in Urlaub oder besuchen mehrt\u00e4gige Weiterbildungen.<\/p>\n<h2>Unternehmenskultur<\/h2>\n<p>Entscheidender d\u00fcrfte vielmehr die Unternehmenskultur sein:<\/p>\n<ul>\n<li>Machtpyramide oder Machtkollektiv<\/li>\n<li>Bindung von Entscheidungsbefugnis an hierarchische Positionen<\/li>\n<li>Existenz mehrerer Einflussstrukturen (formelle oder informelle\/verdeckte Wege)<\/li>\n<li>graue Eminenzen (wer, wo?)<\/li>\n<li>Teilzeitarbeit, Job-sharing auf verschiedenen Hierarchiestufen<\/li>\n<li>Stellenwert der st\u00e4ndigen Pr\u00e4senz und Erreichbarkeit (Kontrollmentalit\u00e4t).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und da wundert man sich, worauf Fehlentscheide renommierter Unternehmen gr\u00fcnden: Einsames F\u00fchren ist nicht nur der Vernetzung abtr\u00e4glich, es verstellt auch den Blick f\u00fcr die Realit\u00e4t. Die selbstabhebende Dynamik beschr\u00e4nkt sich oft darauf, am Status quo festzuhalten. Angebrachter w\u00e4ren eine kritische Selbsteinsch\u00e4tzung, Delegieren und Distanz. Sich selbst \u00fcberfl\u00fcssig zu machen, bildet \u00fcbrigens das wahre Risiko einer guten Stellvertretung!<\/p>\n<hr size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<p>[1] <small>Denise M\u00fcller (Hrsg.). Sekretariats-Handbuch\/Teil 6. WEKA Verlag AG, 1994<br \/>\n<\/small>[2] <small>vgl. Peter Schwarz. Management in Nonprofit-Organisationen. Paul Haupt Verlag, 1992<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Ersatzmann bis zur Bevollm\u00e4chtigten Wie heisst es doch so toll in Sekretariatshandb\u00fcchern: \u00abIn einer Organisation sollte jede Stelle auch eine offiziell deklarierte Stellvertretung haben. Die Stellvertretung \u00fcbernimmt f\u00fcr eine bestimmte Zeit die Stelle des\/der offiziellen Stelleninhaber\/in. 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